Mitten in Ostdeutschland soll die Vision vom "grünen" Wasserstoff als Energieträger der Zukunft Gestalt annehmen. Das Projekt Hypos, so glauben die Initiatoren, wird eine Revolution in der Wasserstoffwirtschaft auslösen.

Die Idee: In Sachsen-Anhalt werden bereits 42 Prozent der verbrauchten Energie aus regenerativen Quellen gewonnen. Die Menge des Stroms aus Wind- und Solarkraftanlagen schwankt aber mit der Wetterlage, die Abnahme wiederum schwankt abhängig von der Tageszeit und dem Wochentag. Dieses Auf und Ab in Erzeugung und Verbrauch könnten durch Speicher gepuffert werden, und diese Rolle soll der "grüne" Wasserstoff übernehmen – als speicher- und transportfähiger chemischer Energieträger. Er wird aus der Elektrolyse von Wasser gewonnen, die nötige Energie liefern Wind und Sonne. Gespeichert würde der Wasserstoff in unterirdischen Kavernen, wie es derzeit schon mit Erdgas praktiziert wird.

Hypos steht für Hydrogen Power Storage and Solutions | East Germany. Innerhalb von fünf Jahren wollen rund 100 Unternehmen der Energiewirtschaft, der Chemie und des Anlagenbaus sowie Hochschulen und Forschungszentren Lösungen für die großtechnische Erzeugung, Speicherung, Umwandlung und Nutzung von regenerativ erzeugtem Wasserstoff finden. Gemein ist allen Forschungsbemühungen die Wirtschaftlichkeit. Nur was sich rechnet, wird sich durchsetzen.

Einer der Motoren von Hypos ist die Energiewende: Immer mehr Strom und Wärme werden aus alternativen Quellen gewonnen. Wasserstoff gewinnt damit nicht nur als Speicher an Bedeutung, sondern auch als Antriebsmittel für in der Automobilindustrie. Sie konzentriert sich auf die Brennstoffzellentechnik. Ein weiterer Motor für Hypos und eine starke Wasserstoffwirtschaft ist der Bedarf der chemische Industrie und der Raffinerien Mitteldeutschlands an Wasserstoff. Er  wird für Hydrierungen, zur Düngemittel- und Methanolherstellung und zur Entschwefelung benötigt.

Allein in Leuna sind 70 Prozent der Unternehmen auf Wasserstoff angewiesen. Er wird derzeit aus Erdgas gewonnen (Dampfreforming) – die Region hängt also am Tropf fossiler Brennstoffe. Könnte man diesen Wasserstoff, der wegen seiner Erzeugung aus Erdgas auch "grauer" Wasserstoff genannt wird, durch "grünen" ersetzen, wäre die Abhängigkeit gelöst – und die Umwelt geschont: Allein im Chemiedreieck würden jährlich 700.000 Tonnen CO2 vermieden. Zudem würde die gesamte, sehr lukrative Wertschöpfung in Deutschland bleiben, Erdöl- und Erdgas-Lieferungen aus anderen Ländern gingen spürbar zurück.

Mit Hypos kann sich Sachsen-Anhalt als einer der weltweit führenden Standorte der Wasserstoffwirtschaft etablieren. Die Region punktet mit klaren Vorteilen:

  • Sachsen-Anhalt ist flach: ein idealer Standort für Wind- und Solarkraftanlagen.
  • Es gibt bereits eine leistungsfähige Infrastruktur für eine potenziell starke Wasserstoffwirtschaft: Die zweitgrößte Wasserstoff-Pipeline Deutschlands führt entlang der A9. Sie verbindet die Chemiestandorte miteinander.
  • Der Strombedarf der Chemieindustrie würde sich mit den nötigen Großelektrolysen etwa verdoppeln. Somit könnte der regenerativ erzeugte Strom in Mitteldeutschland verbleiben und müsste nicht "exportiert" werden.
  • Die bestehenden Erdgas-Transportnetze und Speicher erleichtern die Etablierung einer Wasserstoffwirtschaft. So gibt es in Bad Lauchstädt zahlreiche unterirdisches Erdgas-Kavernen, in dem seit 30 Jahren Erdgas gespeichert wird. Eine der Kavernen kann zum Wasserstoffspeicher umgerüstet werden – ein deutschlandweit einzigartiger Vorgang. Die Kaverne würde den erforderlichen Speicherraum für bis zu 14-tägige Windstromflauten bieten.
  • Traditionell verfügt die Region über eine herausragende Kompetenz im großtechnischen und sicheren Umgang mit Wasserstoff, weil er in der Industrie schon seit vielen Jahren zum Einsatz kommt. Das gilt sowohl für den Transport, die Reinigung, die Druckerhöhung und Speicherung von Wasserstoff.
  • Die Region kann zudem eine erhebliche Forschungskompetenz zur Wasserelektrolyse vorweisen. Zum Initiatorenkreis gehören neben dem federführenden Fraunhofer-Institut für Werkstoffmechanik (IWM) in Halle auch Netze wie die Wirtschaftsinitiative für Mitteldeutschland und das Cluster Chemie/Kunststoffe Mitteldeutschland, die Wissen bündeln und Synergien erzeugen.

100 Millionen Euro sollen bis 2019 in Hypos fließen, davon stammen 45 Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, 35 Millionen aus Eigenmitteln und 20 Millionen aus Investitionen, etwa in das vorhandene Erdgasnetz, um es für die Wasserstofftechnologie umzurüsten. Zudem soll in eine von Fraunhofer-Instituten betriebene Demoanlage am Chemiestandort Leuna investiert werden, in der verschiedene Verfahren und Anlagen zur Wasserelektrolyse getestet werden. 

Die Initiatoren von Hypos sind sich ihrer Sache sicher. Oder, wie es Prof. Ralf Wehrsporn, IWM-Leiter und Sprecher des Hypos-Initiatorenkreises, formuliert: "Wir legen zur richtigen Zeit die richtige Lösung vor. Wasserstoffpipelines werden die neuen Blutbahnen der Wirtschaft. Ihr Herz schlägt in Ostdeutschland."